22.06.2017
 

CEE-Region holt Westeuropa im digitalen Bereich bald ein

  • Bei Internet-Zugang und mobiler Breitbandnutzung haben die CEE-Länder schon fast mit den EU15 gleichgezogen
  • Die digitale Infrastruktur der CEE-Region ist bereits relativ gut ausgebaut, doch bleibt das geringe Angebot staatlicher digitaler Dienste (eGovernment) eine wesentliche Schwachstelle
  • Für die CEE-Länder sollte die Ausbildung hoch qualifizierter Arbeitnehmer nicht nur in der Sachgütererzeugung, sondern insbesondere im digital Bereich hohe Priorität haben

Die CEE-Region hat auf digitaler Ebene mit Westeuropa schon fast gleichgezogen. Ihr Rückstand in diesem Bereich ist eher in Jahren, denn in Jahrzehnten zu messen – so lautet jedenfalls das Fazit eines jüngst erschienenen Berichts der Erste Group zum Stand der Digitalisierung in der CEE-Region. Im Gegensatz dazu liegt das durchschnittliche BIP pro Kopf in den CEE-Staaten in absoluten Zahlen erst auf dem Niveau, das Westeuropa Mitte der 1980er Jahre verzeichnete. In Bereichen, in denen sehr viel physisches Kapital (z.B. Infrastruktur in Form von Straßen) erforderlich ist, scheint die Konvergenz viel langsamer voranzuschreiten. Die digitale Infrastruktur der CEE-Region ist bereits relativ gut ausgebaut, doch bleibt das geringe Angebot staatlicher digitaler Dienste (eGovernment) eine kritische Schwachstelle. Die Länder der Region können auf ihrer schon relativ gut ausgebauten digitalen Infrastruktur aufbauen, indem sie das geringe eGovernment Angebot ausweiten. Dies würde zu mehr Transparenz und weniger Korruption sowie zu einem besseren Zugang zu effizienteren staatlichen Leistungen führen. Die Verfasser des Berichts empfehlen auch erhöhte Investitionen in die digitalen Kompetenzen der Arbeitnehmer in CEE sowie eine breitere Nutzung von IKT-Lösungen durch CEE-Unternehmen. Längerfristig sollten die Maßnahmen zur Förderung der Digitalisierung in den CEE-Ländern die Entwicklung wachstumssteigernder Faktor fördern und insgesamt zum Wohlstand der Region beitragen.

„Die großen Konvergenzfortschritte, die CEE in der Sachgütererzeugung erreichen konnte, sind allgemein bekannt. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass die Volkswirtschaften der Region noch einiges aufzuholen haben, bis sie – am BIP gemessen – an die Wirtschaftsleistung Westeuropas herankommen. Weit weniger bekannt ist jedoch, dass die CEE-Länder auf digitaler Ebene schon nachgezogen haben und bei Parametern wie Internet-Zugang oder Nutzung von mobilem Breitband kaum hinter den EU15 zurückliegen“, erklärt Juraj Kotian, Head of CEE Macro/FI Research der Erste Group und Ko-Autor des Berichts. „Da eine zunehmende Digitalisierung den CEE-Volkswirtschaften einen schnelleren Weg zur Gesamtkonvergenz eröffnen kann, sollten sie ihren Fokus darauf legen, die digitalen Kompetenzen und das Nutzungsverhalten ihrer Bürger aktiver zu fördern – auch durch ein breiteres eGovernment-Angebot.“

Während der Konvergenzprozess in Bereichen, die viel physisches Kapital erfordern, wie zum Beispiel im Straßenbau, sich in CEE immer sehr langwierig gestaltete, ist der Ausbau der Digitalisierung auf EU-Niveau viel rascher und zu geringeren Kosten erfolgt. Bei der digitalen Infrastruktur, wie zum Beispiel dem Internet-Zugang der Privathaushalte, liegt die CEE-Region nur mehr vier Jahre hinter den EU15 zurück; beim Zugang zu mobilem Breitband beträgt der Abstand sogar nur zwei Jahre.

Darüber hinaus ist diese Differenz vor allem der schwächeren Internetanbindung von Haushalten in ländlichen CEE-Gebieten zuzuschreiben, während im städtischen Raum kaum Unterschiede zwischen Westeuropa und CEE bestehen. Die Länder Zentral- und Osteuropas profitieren nach wie vor davon, dass die Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Breitbandverbindungen die Investitionstätigkeit ganz allgemein fördert, wobei EU-Mittel den Ausbau in der Region noch weiter vorantreiben.

eGovernment: Schwere Mängel und enorme Chancen

Der Digital Economy and Society Index (DESI), ein aus fünf Indikatoren digitaler Performance bestehender Gesamtindex der Europäischen Kommission, unterstreicht die bedeutenden Fortschritte, die CEE-Länder im digitalen Bereich schon erzielen konnten, zeigt aber auch jene Bereiche auf, in denen sie noch hinter den westeuropäischen Ländern liegen. Während 2016 alle EU-Mitglieder ihre DESI-Gesamtperformance steigerten, konnten die Slowakei und Slowenien mit einem fast doppelt so großen Plus wie der EU-Durchschnitt die deutlichsten Verbesserungen erzielen. Die DESI-Gesamtwerte aller CEE-Länder rangieren allerdings nach wie vor unter dem EU-Durchschnitt, wobei Slowenien und Tschechien nur leicht darunter liegen und Rumänien das Schlusslicht bildet.

Was die digitale Wettbewerbsfähigkeit von CEE betrifft, geht aus den DESI-Werten hervor, dass Internet-Anbindung, digitale Kompetenzen und Internet-Nutzung für die Länder der Region nicht die größten Herausforderungen darstellen. Vielmehr macht der DESI deutlich, dass die digitale Schwachstelle von CEE das niedrige Angebot an digitalen Diensten im staatlichen Bereich ist. Bei dem Indikator, der das Angebot an eGovernment-Diensten darstellt, liegen die CEE-Länder nicht nur unter dem EU-Durchschnitt, sondern weisen auch individuell jeweils den größten Nachholbedarf gegenüber dem Durchschnitt auf. Laut der Kommission nehmen Ungarn, Kroatien und Rumänien gemeinsam die letzten Plätze im Ranking staatlicher digitaler Dienste ein.

„Bei eGovernment gibt es in den CEE-Ländern noch viel Spielraum für Verbesserungen. Die Länder sollten eigentlich auch stark motiviert sein, diesen zu nutzen, da eine Erweiterung des Angebots staatlicher digitaler Dienste sich auch auf andere Sektoren der Wirtschaft stark positiv auswirkt und damit letztlich zum Wohlstand beiträgt", unterstreicht Ko-Autor Zoltan Arokszallasi, Chief Analyst des CEE Macro/FI Research Teams. „Die Nutzung des Internet für Kontakte mit staatlichen Stellen trägt zur Senkung der gefühlten Korruption bei und fördert die Transparenz staatlicher Vorschriften und Maßnahmen. Allgemeiner ausgedrückt, kann die Digitalisierung zu einer besseren Strukturierung und einer Beschleunigung von Abläufen führen, was Kostenersparnisse und eine höhere Zufriedenheit in der Gesellschaft bedeutet."

Die Analysten der Erste Group untersuchten auch den Zusammenhang zwischen der Nutzung von Internet-Banking und dem Ausmaß, in dem Bürger die staatlichen digitalen Dienste aktiv zur Kommunikation mit den Behörden – etwa durch das Ausfüllen von Formularen – nutzen. Während die CEE-Länder bei der Nutzung von Internet-Banking generell im mittleren Bereich liegen, fällt auf, dass ein unverhältnismäßig großer Prozentsatz der CEE-Bürger eGovernment-Angebote nur zur Beschaffung von Informationen, nicht jedoch für das Ausfüllen von Formularen oder für sonstige Kontakte zu staatlichen Stellen verwenden. Die weitere Verbreitung der Nutzung des Internet Banking wird in der Region vermutlich auch zu einer aktiveren Inanspruchnahme digitaler staatlicher Angebote beitragen.


Digitalisierung fördern

Der Rückstand der Region im eGovernment ist ein Problem der Governance und der Strategie. Im Gegensatz zu dem leuchtenden Beispiel Estlands haben es alle CEE-Staaten bisher verabsäumt, Strategien zu entwickeln, die auf nationaler Ebene zur Schaffung einer gemeinsamen Plattform für einen sicheren Informationsaustausch zwischen dezentralisierten Systemen führen würden.

Da der DESI in CEE einen gewissen Nachholbedarf bei digitalen Kompetenzen aufzeigt (insbesondere in Rumänien, aber in gewissem Maß auch in Kroatien, Ungarn und Polen), sind die Volkswirtschaften der Region sicherlich gut beraten, in Humankapital zu investieren, um hoch qualifizierte Arbeitskräfte auszubilden, die in der Lage sind, moderne, digital ausgerichtete Technologien einzusetzen, statt sich vorrangig auf Arbeitsplätze in der Sachgütererzeugung zu konzentrieren. Die DESI-Werte deuten auch darauf hin, dass der Integrationsgrad digitaler Technologien in Ungarn, Polen und Rumänien noch relativ gering ist, während Daten von Eurostat darauf hinweisen, dass in CEE generell zu wenige Unternehmen IKT-Technologie einsetzen. So liegt zum Beispiel die Nutzung von ERP-Software (für die Unternehmensressourcenplanung) in den CEE-Ländern unter dem EU-Durchschnitt.

Die Frage, ob mehr Digitalisierung zu stärkerem Wachstum führt oder ob reichere Länder es sich einfach eher leisten können, mehr digitale Technik einzusetzen, bleibt offen. Die Analysten der Erste Group Research sind jedoch davon überzeugt, dass die Digitalisierung langfristig die Entwicklung positiver Wachstumsfaktoren fördern könnte. „Für die CEE-Länder scheint die Digitalisierung unumgänglich zu sein, um ein leistbares Maß an wirtschaftlicher Konvergenz aufrecht zu erhalten. Dies würde ihnen dabei helfen, die durch steigende Inputkosten und demografische Entwicklungen entstehenden Herausforderungen zu kompensieren“, meint Kotian abschließend.

 

Ausschnitt der Erste Group Research Pressekonferenz „CEE going digital on the way to prosperity"