08.10.2026

Erste Group Research: Zentraleuropa verfügt über einen starken Unternehmergeist, doch die Skalierung bleibt eine Herausforderung

  • In Zentraleuropa sind über 7 Millionen KMU tätig, die 99% aller Unternehmen ausmachen und mehr als 20 Millionen Menschen beschäftigen.
  • Neugründungsraten liegen über dem EU-Durchschnitt, wobei Kroatien, Rumänien und Serbien durch ihre hohe unternehmerische Dynamik hervorstechen.
  • Zentraleuropa verbindet eine starke Unternehmerkultur mit der raschen Einführung von KI, E-Commerce und digitalen öffentlichen Dienstleistungen.
  • Die KMU der Region erkennen die Bedeutung von Innovation an, doch die Investitionen in Forschung und Entwicklung bleiben vergleichsweise gering.

Mit mehr als 7 Millionen KMU hat Zentraleuropa eines der dynamischsten unternehmerischen Ökosysteme Europas entwickelt. Polen stellt dabei mit Abstand den größten Markt der Region dar, mit fast 2,8 Millionen KMU. Laut dem neuen Bericht „Entrepreneurial Spirit in Central Europe“ von Erste Group Research hat eine Kombination aus unternehmerischem Ehrgeiz, qualifizierten Fachkräften und zunehmender Digitalisierung eine breite und widerstandsfähige Unternehmensbasis in der gesamten Region gefördert.

KMU machen 99% aller Unternehmen in der Region aus. Sie beschäftigen mehr als 20 Millionen Menschen und erwirtschaften zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der wirtschaftlichen Wertschöpfung in allen einzelnen Volkswirtschaften der Region. Pro Kopf ist der Beitrag des KMU-Segments zur Wertschöpfung in der Tschechischen Republik und in Slowenien am höchsten.

Während sich ein Großteil der öffentlichen Debatte um Europas Wettbewerbsfähigkeit auf die Industriepolitik und technologische Souveränität konzentriert, verweist Erste Group Research auf eine grundlegendere Quelle wirtschaftlicher Stärke: das Unternehmertum.

„Der wirtschaftliche Erfolg Zentraleuropas in den vergangenen Jahrzehnten beruht auf Unternehmerinnen und Unternehmern, die Firmen gründen, Arbeitsplätze schaffen und Innovationen vorantreiben. Auch wenn Zentraleuropa immer mehr Erfolgsgeschichten hervorbringt – von KI-‚Unicorns‘ in Polen bis hin zu Kroatiens Innovatoren im Bereich Elektrofahrzeuge –, besteht die nächste wirtschaftliche Herausforderung der Region darin, mehr KMU dabei zu unterstützen, damit sie zu ‚Scalern‘ werden und sich als globale Marktführer etablieren können”, sagt Katarzyna Rzentarzewska, Chief CEE Macro Analyst bei der Erste Group.

Eine Region mit einer dynamischen Unternehmerkultur

Die Neugründungsraten für Unternehmen in den meisten mitteleuropäischen Märkten liegen über dem EU-Durchschnitt. Kroatien, Serbien und Rumänien gehören zu den Spitzenreitern der Region und verzeichnen jeweils jährliche Neugründungsraten von über 12 % der aktiven Unternehmen, verglichen mit einem EU-Durchschnitt von etwa 10,5 %. Polen und die Slowakei folgen dicht dahinter.

Zentraleuropa schneidet hinsichtlich „Marktdynamik“ sehr gut ab, was die sich schnell verändernden und wachsenden Binnenmärkte widerspiegelt. Die Qualität der Infrastruktur der Region – beispielsweise in den Bereichen Logistik, Telekommunikation und digitale Dienste – schneidet im Vergleich zu den breitergefassten europäischen Benchmarks im Allgemeinen gut ab.

Gleichzeitig gehören administrative Komplexität, sich rasch ändernde Vorschriften und steuerliche Unsicherheit weiterhin zu den größten Hindernissen, mit denen Unternehmen in Zentraleuropa konfrontiert sind, wie Erste Group Research unter Berufung auf den Eurobarometer-Bericht über die Einstellung von Unternehmen zur Korruption in der EU hervorhebt. Auch die Angst vor dem Scheitern hält viele potenzielle Unternehmer:innen in der Region weiterhin davon ab, Geschäftsideen in Firmengründungen umzusetzen, was allerdings auch einem breiteren globalen Trend entspricht.

Talente und Digitalisierung beschleunigen das Wachstum in ganz Zentraleuropa

Das Humankapital Zentraleuropas bleibt zudem eine Wettbewerbsstärke. Studierende in Polen und Tschechien erzielen einige der besten Bildungsergebnisse in Europa, während die Zahl der Absolventen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in der gesamten Region weiter steigt, was Unternehmen dabei hilft, neue Technologien einzuführen und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Zudem baut die Digitalisierung Wachstumsbarrieren weiter ab. Im Jahr 2025 stieg der Einsatz von KI bei Unternehmen in der Region im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 %, wobei die Akzeptanz in Unternehmen aller Größenordnungen zunahm. Unterdessen expandiert auch der E-Commerce in ganz Zentraleuropa weiterhin rasant und ermöglicht es Unternehmen, Kund:innen weit über die Grenzen ihrer heimischen Märkte hinaus zu erreichen.

„Dank ihrer starken Marktdynamik und Infrastruktur entstehen in der Region ständig neue Unternehmen, doch relativ wenige davon schaffen es, sich zu großen internationalen Firmen zu entwickeln. Einer der Hauptgründe dafür liegt in der unzureichenden Nutzung neuer Technologien und Innovationen durch diese Unternehmen in der Region. Die F&E-Indikatoren der Region, aber auch der Grad der KI-Nutzung liegen weiterhin unter dem EU-Durchschnitt. Die Schließung dieser Lücke würde der Produktivität, der Beschäftigung und der langfristigen wirtschaftlichen Konvergenz in der Region einen erheblichen Schub verleihen“, kommentiert Katarzyna Rzentarzewska.

Die F&E-Ausgaben in Zentraleuropa sind im europäischen Vergleich gering, doch die Unternehmen der Region betreiben durchaus Innovationsaktivitäten, indem sie neue Produktionsprozesse einführen oder die Ressourceneffizienz verbessern sowie neue Produkte entwickeln oder bestehende erheblich verbessern. So gaben etwa zwei Drittel der Unternehmen in Polen, Rumänien und der Slowakei an, Innovationen im vergangenen Jahr umgesetzt zu haben.

Das Bankwesen bleibt der Schlüssel zum Wachstumsfinanzierung

Der „Entrepreneurial Spirit in Central Europe“-Bericht unterstreicht zudem die Bedeutung des Zugangs zu Finanzmitteln. Während die meisten KMU in der Region ihre Investitionen weiterhin aus eigenen Mitteln finanzieren, bleibt die Bankfinanzierung die dominierende Quelle externer Finanzierung. Im Vergleich zu ihren Pendants in westeuropäischen Ländern greifen Unternehmen in Zentraleuropa weitaus seltener auf Kapitalmärkte (etwa in der Form von Anleihe- oder Aktienemissionen) zurück, um ihren Finanzierungsbedarf zu decken.

Da Zentraleuropa bestrebt ist, Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu stärken, wird die Förderung wachstumsstarker Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die nächste Phase ihrer wirtschaftlichen Entwicklung wird davon abhängen, dass mehr Unternehmen entstehen, die in der Lage sind, grenzüberschreitend zu expandieren und im globalen Wettbewerb zu bestehen.