
„Inklusion prägt meine Sicht auf die Welt“
Danijela wuchs in einer Familie mit gehörlosen Eltern und einem jüngeren Bruder auf. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Kassiererin. Heute ist sie Spezialistin für die Umsetzung von Veränderungsprozessen – mit einer Leidenschaft für das Bankwesen und die Gebärdensprache.

Was bedeutet Inklusion für dich?
Ich bin ein sogenanntes CODA – ein Kind gehörloser Eltern (Child of Deaf Adults). Das bedeutete, dass ich meine Eltern schon in jungen Jahren bei Telefonaten und administrativen Aufgaben unterstützen musste. Deshalb ist Inklusion für mich kein Projekt, keine Kampagne und keine Unternehmensinitiative. Inklusion ist etwas, das ich mein ganzes Leben lang erlebt habe. Sie hat geprägt, wie ich kommuniziere, denke, Beziehungen aufbaue und die Welt sehe. Bei der Kommunikation geht es eigentlich nicht um Sprache. Es geht um Verständnis, Verbundenheit und darum, sicherzustellen, dass jeder seinen Platz am Tisch hat. Ganz gleich, wie klein eine Gemeinschaft ist: Alle Menschen haben ein Recht auf gleichen Zugang zu Informationen.
Was wissen viele Menschen nicht über Gebärdensprache?
Viele Menschen sind überrascht, dass sich die serbische Gebärdensprache von der amerikanischen, britischen oder italienischen Gebärdensprache unterscheidet. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache entwickelt, abhängig von der jeweiligen Kultur und der Art und Weise, wie Gedanken ausgedrückt werden.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Gebärdensprache stark kontextabhängig ist, da ein einzelnes Zeichen je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Besonders faszinierend ist, dass verschiedene Dolmetscher dieselbe Rede unterschiedlich übersetzen können, obwohl sie exakt dieselbe Botschaft vermitteln. Ich vergleiche das oft mit unterschiedlichen Akzenten oder Dialekten in der gesprochenen Sprache: Menschen drücken sich nicht immer auf dieselbe Weise aus, verstehen einander aber trotzdem.

Wie hat die Gebärdensprache dein heutiges Ich geprägt?
Nach Abschluss meines Studiums und meiner beruflichen Ausbildung im Bereich Gebärdensprache begann ich, als Dolmetscherin und Dozentin für serbische Gebärdensprache zu arbeiten. Vor zwei Jahren bot sich mir die Gelegenheit, meine beiden Leidenschaften – das Bankwesen und die Gebärdensprache – im Rahmen einer Kampagne zur Finanzbildung miteinander zu verbinden. Das bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass Vielfalt und Inklusion nicht nur persönliche Werte sind, sondern auch von dem Unternehmen, für das ich tätig bin, gelebt werden.
Die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und Brücken zwischen Menschen zu schlagen, ist nicht nur im Alltag wertvoll, sondern auch in der Geschäftswelt. Dort sind das Zusammenführen verschiedener Sichtweisen, die Förderung von Verständnis und ein konstruktiver Dialog oft entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und fundierte Entscheidungsfindung. Das ist besonders wichtig, wenn es um die Umsetzung von Veränderungen geht: Je mehr Perspektiven wir berücksichtigen, desto besser können wir auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen und Lösungen gestalten, die sowohl erfolgreich als auch inklusiv sind.
Was schätzt du an dir selbst am meisten, wenn du heute in den Spiegel blickst?
Als Kind habe ich mir versprochen, dass ich, sobald ich erwachsen bin, nicht vergessen würde, was mir als Kind wichtig war. Ich wollte nicht, dass mich Pflichten oder berufliche Ambitionen in eine einzige Richtung drängen, in der ich nicht mehr ganz ich selbst sein kann. Eine Eigenschaft, die ich heute an mir schätze, ist meine Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen und eine Verbindung zu Menschen herzustellen, die einander nicht immer ohne Weiteres verstehen.Ich suche immer nach dem Sinn hinter den Handlungen und Verhaltensweisen anderer; ich versuche zu begreifen, warum jemand anders denkt, was ihn antreibt, vor welchen Herausforderungen er womöglich steht oder welche Erfahrungen seine Sichtweise geprägt haben.
Mit der Zeit habe ich erkannt, dass genau diese Erfahrungen meine Stärke sind. Dass ich in zwei verschiedenen Kommunikationswelten aufgewachsen bin, hat mir eine Perspektive eröffnet, die nicht jeder hat. Heute fühle ich mich wohl dabei, diese Sichtweise in Diskussionen einzubringen, meine Ideen offen zu teilen und auf meine ganz eigene Art einen Beitrag zu leisten.