
„Ich male, was ich fühle. Ich lebe, woran ich glaube.”
Im Interview mit Zahra Mardany Pur
Zahra Mardany Pur wurde 2004 in Kabul geboren. Sie besuchte die HAK bis zur vierten Klasse und arbeitete dann ein Jahr als Floristin. Anschließend begann sie ihre Lehre bei der Erste Bank und macht nebenbei ihre Matura. In ihrer Freizeit malt sie.
Was sind deine größten Herausforderungen?
Mich im Berufsalltag selbstbewusst zu positionieren, ist eine meiner größten Herausforderungen. Und zu zeigen, dass Kompetenz, Einsatz und Persönlichkeit wichtiger sind als äußere Merkmale.
Wenn Menschen mich zum ersten Mal sehen, passiert es oft, dass sie mich in eine Schublade stecken. Sie sehen mein Kopftuch und sofort entstehen Fragen: Woher kommt sie? Wie denkt sie? Ist sie streng? Ist sie konservativ?
Viele kennen meine Lebensrealität nicht und haben Vorurteile. Das ist schwer für mich.
Deshalb versuche ich, mit meiner Persönlichkeit meine wahre Seite zu zeigen und dieses erste Bild bewusst zu durchbrechen.
Oft reicht schon ein Gespräch. Ein bisschen Smalltalk, ein gemeinsames Lachen. Und plötzlich verschwindet dieses Bild.
Wie gehst du konkret mit solchen Situationen um?
Eigentlich ganz einfach: Ich spreche mit den Menschen.
Ich merke schnell, wenn jemand mich noch nicht wirklich kennt, sondern nur eine Vorstellung von mir hat. Dann versuche ich, ins Gespräch zu kommen. Und meistens löst sich alles ganz natürlich auf.
Ich glaube, Vorurteile hat jeder Mensch. Auch ich. Das ist erstmal nichts Negatives. Problematisch wird es erst, wenn diese Vorurteile jemanden einschränken oder verletzen.
Wenn jemand sieht, dass ich ein Kopftuch trage, und denkt: „Sie ist wahrscheinlich Muslima“, dann ist das einfach eine Beobachtung. Schwierig wird es erst, wenn daraus eine Abgrenzung entsteht.
Du übernimmst viel Verantwortung. Wie geht es dir damit?
Ich übernehme gerne Verantwortung. Schon in der Schule war ich Klassensprecherin und Schulsprecherin. Ich mag es, Dinge übersichtlich zu gestalten und für andere einzustehen.
Auch in meiner Familie unterstütze ich meine jüngeren Geschwister und meine Eltern. Für meinen Vater gestalte ich zum Beispiel jedes Jahr zu Weihnachten die Dekoration für seine Schusterei.
Ich helfe gerne, aber ich persönlich nehme auch viel selbst in die Hand und bitte nicht immer um Hilfe. Das ist eine Stärke, aber manchmal auch eine Schwäche.
Mit der Zeit lerne ich, Aufgaben abzugeben. Aber es ist ein Prozess.
Was stärkt dich im Alltag?
Mich stärken die Werte meiner Familie: Disziplin, Eigenverantwortung und Zusammenhalt.
Und meine kreative Seite. Sie hilft mir in Balance zu bleiben.
Ich male seit vielen Jahren. Vor allem Landschaften mit Acryl- und Ölfarben auf Leinwand. Früher habe ich einfach drauflos gekritzelt, ohne Unterricht, ohne Plan. Später habe ich Videos von Bob Ross gesehen und war sofort begeistert. Seine Art, Landschaften entstehen zu lassen, hat mich inspiriert. Seitdem male ich vor allem Naturmotive.
Heute sind meine Bilder weniger realistisch als früher. Manchmal ist es ein Meer mit einem kleinen Boot, manchmal abstraktere Landschaften mit starken Farben. Aber immer steckt etwas Persönliches darin.
Wann malst du? Und welche Bedeutung hat das Malen für Dich?
Ich male nicht regelmäßig. Sondern immer nach Gefühl. Wenn mich etwas emotional bewegt, das kann etwas Schönes oder auch etwas Schweres sein, dann verspüre ich oft den Wunsch, es auf die Leinwand zu bringen.
Meistens male ich nachts, wenn alles ruhig ist. Mit Kopfhörern und Musik im Ohr. Dann bin ich ganz bei mir. Während ich male, denke ich nach. Ich verarbeite Dinge und danach geht es mir meistens besser.
Meine Schwester sagt, dass man meine Emotionen in meinen Bildern sieht. Wenn ich traurig war, wirken sie einsamer. Wenn ich glücklich bin, sind die Farben kräftiger.
Das Malen hilft mir, mit Dingen abzuschließen oder etwas Schönes bewusst festzuhalten. Es macht den Kopf frei und schafft Raum für Neues.
Was würdest du anderen Frauen raten, die kreativ anfangen wollen?
Einfach starten. Nicht zu viel nachdenken.
Ich habe nie einen Kurs besucht. Ich habe einfach angefangen zu kritzeln. Eine leere Leinwand, ein paar Farben, und los geht’s!
Am Anfang ist es schwer. Man weiß nicht, was man malen soll. Aber sobald man beginnt, entsteht etwas. Und selbst wenn es einem nicht gefällt, kann man es verändern, übermalen oder neu denken.
Es muss nicht perfekt oder realistisch sein. Es ist für einen selbst.